Drüben hinterm …

20170629_122512Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an,
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen,
Alles wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter !
Soll ich mit dir geh’n ?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier dreh’n ?

 

 

Zur Zeit beschäftigt mich der Leiermann sehr.

Als Bild meiner selbst.

Und als Bild unserer Kultur.

 

Ich selbst fühle mich so einsam. Meine Wünsche, meine Träume, all das was mein Leben ausmacht ist kein Teil mehr dieser Welt.

Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an.

Wer interessiert sich noch wirklich für das was wir Künstler zu sagen haben? Was wir der Welt zu geben hätten? Nicht nur an der Oberfläche, als Unterhaltung, sondern dort wo es einen trifft.

Wer interessiert sich für unseren Weg?

Mit Kunst, mit Literatur, mit Musik.

Und wie uns das verändert?

 

Und die Hunde knurren um den alten Mann.

Ja, auch das kennen wir.

Wenn wir den Menschen sagen: natürlich sollen Kinder in den Schulen wirkliche Literatur lesen, viel mehr noch als je zuvor. Und natürlich sollen Kinder Gedichte auswendig lernen, ein Instrument spielen und sich mit klassischer Musik beschäftigen.

Welcher Wahnsinn ist es das nicht zu tun?

Aber wagt das einmal laut zu sagen.

Und wartet was dann kommt.

 

Und ist der Leiermann nicht auch ein Bild unserer Kultur?

Sie steht hinterm Dorfe. Auf dünnem Eis. Und keiner mag sie hören oder sehen.

Und langsam lässt sie es wirklich gehen wie es will.

Und verschwindet.

 

Dichtung ist nicht etwas das man hat. Auch Musik nicht. Oder Malerei. Tanz. Theater.

Diese Dinge müssen mit Leben befüllt werden. Am Leben erhalten. Durch Menschen die sie liebend durchdringen und verstehen. Die ihnen einen Wert in ihrem Leben geben.

Und das an die nächste Generation weitergeben.

 

Wir sind Goethe. Wir sind Schiller und Beethoven.

Nein, sind wir nicht.

Wir sind das was wir leben.

Wir werden zu dem dem wir in unserem Leben Platz geben.

Und unsere Kinder werden zu dem was wir fürchten.

 

Glaubt wirklich jemand daß eine Welt in der es um Geld und Macht geht schöner ist als eine Welt in der sich Menschen mit Musik und Literatur beschäftigen?

Oder daß diese Dinge besser auf das Leben vorbereiten? Oder die Welt schöner machen?

Wollen wir wirklich in einer Welt leben in der die Wertigkeiten so verdreht sind?

Und unseren Kindern eine solche Welt hinterlassen?

 

Belügen wir uns nicht: wir sind die Schuldigen.

Denn wir beschäftigen uns mit den falschen Dingen.

Und wir zeigen unseren Kindern nicht die Schönheit dieser Welt. Und die Freude daran in ihr zu leben. Auch mit und durch Kunst.

 

Wir sind keine Vorbilder mehr.

In keinster Weise.

 

Aber es gibt Hoffnung.

Wunderlicher Alter, soll ich mit dir geh´n? Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh´n?

Wir können wieder den Weg mit ihr gehen. Auch wenn uns Kunst wie ein wunderlicher Alter erscheint.

Denn sie kann noch immer ihre Leier zu den Liedern unserer Seele dreh´n.

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16 Gedanken zu “Drüben hinterm …”

    1. Hallo Sólveig.

      Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit finde ich sehr lustig.

      Und was nützt es wenn jemand stehen bleibt? Es geht mir nicht darum daß sich einzelne entscheiden sich ein wenig mit Kunst zu beschäftigen. Sondern darum daß sie ein natürlicher Bestandteil der Menschen sein müsste.

      Und daß das vieles wieder gut machen würde. In uns Menschen und auf der Welt.

      Thomas.

      Gefällt 1 Person

  1. Wenn man sich den Großteil der Menschen anguckt, dann könnte man wirklich verzweifeln, dann scheint Kunst am Aussterben zu sein.

    Auf der anderen Seite kenne ich junge Leute, Jugendliche, die genau das Gegenteil zeigen. Jemanden, der neben der Schule seine gesamte Freizeit mit Musik verbringt, mehrere Instrumente lernt, Klassik und Jazz hört und mit so einer Begeisterung über Musik redet, dass man sofort weiß, das ist dein Leben. Oder andere, die im Jahr mehr lesen, als andere in ihrem Leben, die sich wirklich für Literatur und Lyrik interessieren, sie schätzen oder selber schreiben. Ein Freund von mir träumt davon, ein Buch zu schreiben. Ein Mitschüler spielt im Orchester. Mein Vater und ich könnten Stunden in Kunstmuseen verbringen. Und es gibt auch noch Lehrer, die die verschiedenen Künste schätzen und das den Schülern vermitteln.

    Ich glaube, vieles ist nicht so offensichtlich, aber trotzdem da, und solange es Menschen gibt, die das weitertragen, wird es nicht aussterben. Und diese Menschen gibt es. Künstler waren doch schon immer eher dünn gesät und hatten es zu jeder Zeit schwer.

    Also ich kann deine Gedanken sehr gut verstehen und wollte dir nur mal eine etwas andere Perspektive zeigen.

    Gefällt 4 Personen

    1. Hallo und herzlichen Dank für Deine Antwort. Ich lese gerade Deine letzten Beiträge und es zerreisst mir das Herz. Ich wünsche Dir alles Gute und daß Du die Zeit durchstehst.

      Und zu dem was Du schreibst, ja, Du hast auch Recht. Es gibt immer wieder Menschen die sich mich Kunst beschäftigen. Und vielleicht gibt es sogar viele. Aber sie ist kein natürlicher Bestandteil unserer Gesellschaft.

      Wenn Kunst und Kultur zu einer persönlichen Entscheidung werden, zu einer Lifestyle-Einstellung, dann hat sie schon verloren.

      Und unsere Medienumwelt hat sich so stark verändert. Bewegte Bilder, Geschichte über das Fernsehen oder Netz sind so etwas anders als ein Buch, Gedanken in diesen Medien sind so verschieden von Gedanken die man durch Literatur bekommt.

      Und so weiter. Ich bin mir nicht sicher, aber ich hoffe ich habe mich klar ausgedrückt.

      Gefällt 1 Person

  2. Dieses Lied habe ich oft gesungen. Man muss es hart und kompromisslos ausdrücken, um das Bewusstsein der Menschen zu erreichen. Weil zu viele Gedanken in die falsche Richtung gelenkt wurden. Alles, was du sagst, stimmt und empfinde ich genauso. Was mich am meisten berührt ist, dass ich das Wort Hoffnung lesen darf. Ich glaube zum ersten Mal bei dir ohne das Wort „keine“. Ja es gibt Hoffnung und es gibt Menschen, die sich aus dem Rad befreien und es werden mehr – ganz langsam.

    Gefällt 4 Personen

    1. Ich habe leider keine gute Stimme, aber ich singe es auch öfter in mir, vor allem zur Zeit. Und ich liebe die Aufnahme von Fischer-Dieskau (wie alles von ihm …).

      Ja, natürlich gibt es Hoffnung. Ich habe das Gefühl daß sich viele Menschen wieder nach Kunst sehnen, nach Einfachheit, nach Literatur und Musik. Und sie wartet ja nur auf uns.

      Gefällt 3 Personen

    1. Hallo Andrea und tut mir leid, ich habe keine Benachrichtigungen zu meinen Kommentaren bekommen, daher habe ich ihn erst heute gesehen!

      Ja, Kinder sind oft noch sehr begeistert von Kunst. Aber die Begeisterung schwindet rasch, genau wie Du sagst.

      Das hat sicher auch damit zu tun, dass Kunst zu schaffen seht mit handwerklichem Können zu tun hat. Und das erlernt man nur sehr langsam über eine sehr lange Zeit. Und da kommt es auf den Lehrer und die Eltern an.

      Aber man kann etwas dagegen tun. Manchmal reicht schon wenn Eltern wissen, dass es so ist!

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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